Eine Zeitlose Metapher

 

Von der Raupe zum Schmetterling

Stellt euch nun einmal eine Raupe vor, wie sie ihr tägliches Leben genießt. Sie kriecht den Boden entlang, sie kriecht über Pflanzen hinweg, und auf Bäume hinauf. Und dabei wünscht sie sich die ganze Zeit über, dass sie eine noch bessere Raupe sein könnte. Sie wünscht sich, ein bisschen perfekter zu sein, ein bisschen schlauer, ein bisschen grüner – oder sie wünscht sich, vielleicht auch noch ein paar zusätzliche Beine zu haben. Sie wünscht sich, ein bisschen attraktiver zu sein – und eine ganze Menge wohlhabender.

Die Raupe lebt in diesem Moment innerhalb ihres Raupen-Bewusstseins. Sie kennt nichts anderes. Sie ist sich einzig und allein ihrer Existenz als Raupe bewusst. Sie hat einfach Träume und Wünsche und Hoffnungen, eine noch erfolgreichere Raupe werden zu können – etwas anderes kennt sie nicht. Und sie lebt ihr Leben, ihr Leben als Raupe. Sie versucht immer wieder ein bisschen mehr in ihrem Leben zu erreichen, im täglichen Konkurrenzkampf mit all ihren Mit-Raupen.

Aber irgendetwas in ihrem Inneren nagt ununterbrochen an ihr. Es ist wie ein fortdauerndes Klopfen an der Tür, es ist fast wie eine Stimme, die zu der Raupe spricht, eine Stimme, die zu ihr spricht: „Die Zeit ist nun gekommen. Die Zeit ist nun gekommen.“ Und nach einiger Zeit beginnt die Raupe, dieser Stimme zuzuhören, und sie beginnt zu begreifen, dass die Zeit in der Tat gekommen ist, die Zeit für eine ganz außerordentliche Verwandlung. Aber sie kann es sich ganz einfach nicht vorstellen, was eine Veränderung eines so großen Ausmaßes für sie bedeuten könnte.

Und eines schönen Tages spürt die Raupe plötzlich, während sie gerade an ein paar Blättern knabbert, dass sie nun bereit ist. Und sie ruft zum Raupen-Gott: „Lieber Gott, lieber Spirit, ich BIN bereit. Ich habe mein Leben als Raupe geliebt – aber es ist nun für mich an der Zeit, weiterzugehen. Ich weiß es tief in meinem Inneren. Ich weiß nicht genau, worum ich hier genau bitte. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird. Aber was ich weiß ist, dass es etwas Gutes sein wird.“ Und so gibt sie sich selbst vollkommen in diesen Vorgang hinein, sie lässt alles los. Sie lässt alles los und übergibt sich selbst der Veränderung.

Veränderung ist völlig natürlich,

Veränderung ist Evolution, die sich ständig ereignet. Und die Raupe begibt sich dort hinein. Das ist ein freudiger und beschwingter Augenblick für die Raupe, denn sie fühlt sich plötzlich von all ihren alten Herangehensweisen und Abläufen und Gewohnheiten befreit. Sie fühlt sich befreit, und sie wartet nun darauf, dass irgendetwas geschieht.

Und kurze Zeit später fühlt sich die Raupe plötzlich gar nicht mehr so gut. Es ist wohl eine kleine Raupen-Verdauungsstörung, die sie da hat! Und es scheint ihr, als ob sich ihre Beine nicht mehr in Harmonie miteinander bewegen. Dien einen wollen vorwärts laufen, die anderen rückwärts! Und anstatt dass sie grüner wird, beginnt sie sogar, ein bisschen grauer zu werden. Und anstatt dass ihr Verstand klarer und schärfer wird, wird er eher dumpfer und benebelter.

Die Raupe beginnt es zu bereuen,

dass sie sich jemals auf diese Veränderung eingelassen hat, dass sie jemals an diesen ganzen Unsinn über Spirit und über den „Aufstieg“ geglaubt hat. Sie hatte einst Gerüchte darüber gehört, aber nun ist ihr Raupen-Verstand in großem Zweifel. „Das ist bestimmt alles nur ein Trick gewesen“, behauptet er. Und die Raupe beginnt zu bereuen, was sie getan hat. Die Raupe wünschte sich sehr bald, dass sie wieder zu ihrem alten Leben zurückkehren könnte, aber jedes Mal wenn sie das versucht hat, hat es nicht funktioniert. Sie begann sich sehr schwach zu fühlen, sie wurde nun sogar eher traurig, anstatt dass sie grüner wurde.

Sehr bald sah es für die Raupe so aus, dass sie sich überhaupt nicht mehr bewegen konnte, dass sie morgens gar nicht mehr aufstehen konnte. Sie hatte noch nicht einmal mehr Lust etwas zu essen, sie hatte überhaupt keinen Appetit mehr. Sie wollte an nichts mehr denken. Dinge, die der Raupe zuvor Freude gemacht hatten, wie zum Beispiel die Vögel – zumindest deren freundliche Vertreter – vorbeifliegen zu sehen, dem Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume zu lauschen, in kleinen Wasserpfützen zu liegen und ihre Beine an ihrem Körper zu reiben – keines dieser Dinge hörte sich für die Raupe mehr verlockend an.

Und eines Tages war sie noch nicht einmal mehr in der Lage, morgens ihre Augen zu öffnen um die aufgehende Sonne willkommen zu heißen. Sie wollte noch nicht einmal mehr das helle und wundervolle Licht der Morgensonne spüren, sie fühlte sich immer schwächer und schwächer. Und sie begann, sich in den Zustand des Dazwischen zu begeben.

„Dazwischen“ bedeutet, dass die Raupe natürlich nicht ganz einfach sterben wollte. Nicht im Geringsten. Auch wenn sie vielleicht dann und wann einmal darüber gesprochen hatte, wusste sie dennoch sehr gut, dass sie nicht sterben wollte. Sie wollte einfach so gerne in ihr altes Leben zurückkehren! Sie wollte noch nicht einmal mehr eine größere und grünere Raupe werden, sie wollte einfach nur, dass alles wieder so wurde, wie es vorher war.

Aber sie befand sich nun in einer Zwischenwelt.

Sie wusste, dass sie nicht in der Lage war, ihren Körper in seiner alten Form wiederherzustellen. Und ihr Verstand konnte sich auch auf überhaupt nichts mehr konzentrieren. Die Raupe befand sich im Dazwischen, in einem Übergang. Und sie lag dort für lange Zeit, und ziemlich bald begann sich so etwas wie eine harte Kruste um sie herum zu bilden. Fast so, als ob eine Art Netz um sie herum gewoben würde. Eine ganz neue Art von Gefängnis, das die Raupe vorher noch nicht kannte. Sie versuchte, um Hilfe zu rufen – aber sie konnte es nicht.

Sie versuchte sich mit Gewalt aus diesem Zustand zu befreien, diesem Zustand der Depression, in dem sie sich befand. Sie versuchte sich dazu zu zwingen sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren, über irgendetwas zu lachen, so wie sie es früher getan hatte.

Aber sie konnte es nicht. Es war nichts mehr da. Nichts. Jedes Gefühl von Liebe, das sie einmal empfunden hatte, schien einfach dahinzuschwinden. Jede Empfindung einer inneren Verbindung mit sich selbst war am Vergehen. Und sehr bald war dieser Kokon, dieses Gehäuse, überall um sie herum. Und es war dunkel darin. Es war still. Es war so, als ob die Raupe in sich selbst gefangen war – aber dieses Selbst gab es nicht mehr.

Und die Raupe rief nach Spirit, sie rief nach ihrem Raupen-Gott, und sie sagte: „ Lieber Raupen-Gott, das ist mein letzter Hilferuf! Bitte rette mich – oder lass mich nun sterben. Ich kann dieses Nichts nicht länger aushalten.“ Und es blieb still, und nichts geschah. Der letzte Gedanke der Raupe war: „Es gibt keinen Gott. Es gibt keine Hoffnung. Es gibt nicht ein einziges Wesen, nicht eine einzige Energie, die meine Stimme hören kann“ Ich befinde mich nicht einfach nur in der Dunkelheit – ich bin Nichts! Ich habe mir meine eigene Hölle erschaffen – und ich habe keine Möglichkeit, da herauszukommen.“

Nun der Rest der Geschichte ist euch vertraut. Diese Raupe hatte sich in ihren Kokon begeben, und in ihrem letzten und abschließenden Aufgeben, in dem sie ALLES losließ, was sie jemals geglaubt hatte – schlüpfte sie heraus.

Sie brach durch den Kokon – neu und anders!

Mit Flügeln, die wundervoll farbig waren! Sie konnte fliegen! Sie konnte die Dinge nun auf eine völlig neue Weise sehen!

Sie besaß ein vollständig neues Bewusstsein, einen völlig neuen Verstand. Sie war nun ein Schmetterling. Der Schmetterling war etwas, das sich die Raupe zuvor niemals auch nur im Geringsten hätte vorstellen können. Niemals! Wie sollte sich eine Raupe, die nichts weiter kennt, als ihren Raupen-Verstand, jemals einen Schmetterling vorstellen können? Aber schaut euch nun an, in was sie sich verwandelt hat!

(Verfasser unbekannt)

Copyright Foto: © Peashooter / pixelio.de
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